STORY WATER AVIGNON

STORY WATER
ENSEMBLE MODERN AND EMANUEL GAT
SOUNDDESIGN & SOUNDDIRECTION : Norbert Ommer

Man muss sich erst einmal beschnuppern, bevor man eine so enge Beziehung eingeht, wie derzeit das Ensemble Modern und die Kompanie des israelischen Choreographen Emanuel Gat, der in Südfrankreich arbeitet.

Die Chancen auf gegenseitiges Verständnis und einen kreativen Schub standen von Anfang an gut. Das 1980 gegründete Ensemble Modern dachte Musik schon immer über Partitur, Notenständer und Instrument hinaus, mit Neugier auf szenische Kunstformen und dem Wunsch, neue Konstellationen zu erforschen. Gat wiederum studierte ursprünglich musikalische Werkanalyse an der Rubin Academy of Music & Dance in Jerusalem und wollte Orchester- Dirigent werden, bevor er 1992, im Alter von dreiundzwanzig Jahren, der Tanzkompanie von Liat Dror und Nir Ben Gal beitrat, der bedeutendsten Keimzelle des zeitgenössischen Tanzes in Israel.

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Emanuel Gat gliedert »STORY WATER in drei Akte, wie eine Symphonie der Körper in drei Sätzen. Zuerst Boulez elementares Furioso Dérive 2, dann Rebecca Saunders unter und an der Oberfläche strukturiertes Fury II, das ebenfalls Hochspannung versprüht, im Vergleich aber wie ein sich gerade beruhigendes Gewitter wirkt. So stehen die Stücke miteinander im Dialog, auch weil beide immer wieder mit dem Free Jazz zu flirten scheinen. Zum Schluss löst Gat die Anspannung und lädt seine Kompanie zu einem Folk Dance.

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Der Abend beginnt jedoch, bereits bei Boulez, mit der inszenierten Suche nach dem choreographischen Material. So zeichnet Gat noch einmal seine Begegnung mit dem Ensemble Modern nach. Dieser erste Teil endet in offener Dramatik: Der Tanz verschmilzt komplett mit dem grandiosen, komplexen Fortissimo überschäumender Kräfte, die sich in Drive 2 mit unbändigem Willen ihren Weg bahnen. Boulez lässt die Leinen los, und die Instrumentengruppen Perkussion, Bläser und Streicher, scheinen permanent in verschiedene Richtungen zu streben: Eine Partitur für elf Musiker voll zentrifugaler Wucht. Es bedarf aller Anstrengungen der Musiker und des Dirigenten, diese Energien beieinander zu halten.

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Die Wut der Elemente sammelt und strukturiert sich im zweiten Akt, obwohl Rebecca Saunders Stück Fury II heißt. Das Concerto für Kontrabass und Ensemble (Klarinette, Perkussion, Akkordeon, Piano und Cello) führt in ruhigeren, aber nicht minder tiefen Wassern. Kämpfen die Musiker bei Boulez beständig gegen die Explosion, so ist Fury II durchgehend von der Stille bedroht, und die Musik wird, auf das Äußerste gespannt, zum Vektor des Widerstands. »Es gibt ja auch stille Wut«, kommentiert Saunders ihre Titelwahl.

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Der Solist und sein Kontrabass beziehen dazu eine Position, die mitten auf der Bühne liegt. Von den Tänzern umgeben, die nun das choreographische Material aus Drive 2 frei verarbeiten, wird der Bassist selbst zu einem choreographischen Darsteller.

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Kontraktion und Anspannung entladen sich schließlich in Folk-Dance, dem dritten »Satz des Abends, für den Emanuel Gat selbst die Musik komponiert, in direkter Zusammenarbeit mit den Musikern des Ensemble Modern. Hier begegnen und vermischen sich musikalische Traditionen aus einer großen Anzahl von Kulturen. Thomas Hahn

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Dass man sich erst einmal beschnuppern muss, galt auch für meine Arbeit als Sounddesigner und Klangregisseur bei dem Werk ”STORY WATER”.

Die Frage war nur, wo anfangen? Also damit, zusammenzufügen was eigentlich nicht zusammen gehört? Das heißt Musik, die für Kammermusiksäle komponiert wurde, in einem Outdoor-Areal wie dem Papstpalast in Avignon aufzuführen, also mehr oder weniger ohne einen akustischen Raum, mit der Spielrichtung des Klangkörpers vom Publikum abgewandt und fokussiert auf eine 16x10 m große Tanzfläche, zu Füßen einer unsymmetrischen Zuschauertribüne für 2.400 Zuhörer. Da ja 16 Tänzer zur Musik choreographiert wurden, bestand aber auch die Notwendigkeit, Hörbarkeiten auf der Bühne zu schaffen, die es den Tänzern ermöglichte, Kammermusik mit ihrer ganzen Dynamik zu folgen, um sich zu synchronisieren. Und in welche Richtung denkt man denn für ein Sounddesign, bei so unterschiedlichen Kompositionen und Komponisten?

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Es stellte sich also die zentrale Frage, wie kann ich dieses Areal des Papstpalastes in einen Konzertsaal verwandeln und das Publikum mit Klang umhüllen und musikalische Hörbarkeiten (für Musiker und Tänzer) auf einer 16x10 m großen Open-Air-Bühne schaffen?

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Da akustische Maßnahmen in diesem Umfeld nicht möglich waren, bestand die Lösung darin, auch das Publikum und die Musiker mit Elektroakustik zu umgeben und zwar so, dass diese weitestgehend von Wind und Luftfeuchtigkeit unbeeinflusst bleibt.

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Um sich den Kompositionen anzunähern und ihnen eine unterschiedliche Klangausstrahlung zu ermöglichen, habe ich ein Sounddesign erstellt, mit dessen Hilfe ich auch während des Konzertes alle Farben der verschiedenen Partituren zeigen konnte.

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Das Sounddesign ist aber auch so angelegt, dass es sich adaptieren lässt, da alle weiteren Aufführungen (Bonn, Frankfurt , Antwerpen und Paris) dann in Theatern und Konzertsälen stattfinden werden.

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